Engage in dialogues
Ägyptisches Museum und Papyrussammlung (ÄMP), Berlin, Deutschland
National Corporation for Antiquities and Museums (NCAM), Khartoum, Sudan
Die Geschichte des nördlichen Sudan, alte nubische Geschichte, war lange nur ein Nebenpfad gut erforschter Pharaonen-Historie. Das sudanesisch-deutsche Förderprojekt „Stories across Borders“ erarbeitet in einem internationalen Fachaustausch eine lokalere, diversere, stärker auf Herkunftsgemeinschaften fokussierte Erzählung.
Frühjahr 2026, im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung Berlin (ÄMP), vor der Krönungsstele des nubischen Königs Nastasen (4. Jh. v. Chr.). Die Archäologin und ÄMP-Kuratorin Ilona Regulski tauschte sich dort mit Shadia Abdrabo aus, ebenfalls Archäologin und leitende Kuratorin der sudanesischen National Corporation for Antiquities and Museums (NCAM).
Ihr dialogisches Förderprojekt „Stories across Borders“ zeigt eindrücklich, wie deutsche Museumsinstitutionen und ihr Publikum von einer Öffnung für neue Geschichten profitieren, während sie das Wissen um kulturelles Erbe erweitern. Abdrabo und Regulski erarbeiten gemeinsam zusätzliche Perspektiven auf die Bestände des ÄMP – stärker aus der Sicht des Sudan. „Geschichte ist zwar endlos vielfältig“, sagt Ilona Regulski, „doch jedes Museum kann stets nur einen Teil erzählen.“ Nubische Geschichte, so Abdrabo, sollte jedoch als „kulturelles Erbe“ aller Sudanes*innen verstanden werden – inklusive der Diaspora, die sich durch den Krieg im Sudan seit 2023 stark vergrößert hat.
„Dialog bedeutet Offenheit: die Bereitschaft, die eigene Perspektive zu verändern, weil man Gesprächspartner ernst nimmt.“
Ilona Regulski
Ilona Regulski und Shadia Abdrabo
„Eines der wichtigsten persönlichen Learnings aus dem Projekt war, wie bedeutend es ist, Menschen aus den Herkunftsgemeinschaften direkt einzubeziehen … Die sudanesischen Teilnehmenden brachten persönliche Erfahrungen, Erinnerungen und kulturelles Wissen mit.“
Shadia Abdrabo
Die Zusammenarbeit findet vor einem besonderen Hintergrund statt. Der seit 2023 andauernde Krieg im Sudan hat Museen und kulturelle Institutionen im Land schwer getroffen; Sammlungen wurden beschädigt und geplündert, Fachkräfte mussten ihre Arbeitsorte verlassen. Angesichts der Kriegsfolgen kommt der internationalen Forschungs-, Sammlungs- und Vermittlungsarbeit zu nubischer Kunst mit sudanesischer Expertise und sudanesischen Perspektiven besondere Bedeutung zu.
Neben der Neubewertung der Nubien-Sammlung ermöglicht das Projekt auch den Austausch zu praktischen Fragen, die für die Arbeit mit den vom Krieg betroffenen Sammlungen und Institutionen des NCAM relevant sind, darunter Schadensbewertung und Konservierungsansätze. Im April 2026 fanden außerdem Workshops mit Mitgliedern sudanesischer Communities in Berlin statt. Im Anschluss daran entstehen ein informativer Slideshow-Film und ein Dokumentarfilm. Die Filme werden in Berlin, Kairo und sobald möglich im Sudan sowie online gezeigt.
Ilona Regulski: „Shadia und ich sind beide Archäologinnen, wir anerkennen natürlich gleichermaßen gewisse wissenschaftliche Fakten. Aber wie man die dann interpretiert, was man in den Fokus rückt, das hängt vom kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund ab. Als wir uns in Berlin vor der Stele des Königs Nastasen unterhalten haben, hat sich das stark gezeigt: So waren für Shadia die Darstellungen der Königinnen neben dem König, links und rechts oben auf der Stele, besonders wichtig. Der uralte Name für sie, Kandakes, war ja sogar zum Kampfbegriff für Frauen der sudanesischen Revolution von 2018/19 geworden. Das Foto einer modernen Kandake ging damals weltweit viral.“
Shadia Abdrabo: „Besonders aufgefallen ist mir die Darstellung von Frauen. Die Ehefrau des Königs ist an seiner Seite abgebildet, und die Inschrift erwähnt zudem seine Mutter und seine Tochter. Das unterstreicht die wichtige Rolle und den hohen Stellenwert von Frauen in der nubischen Gesellschaft. Für mich zeigt die Stele, dass Frauen nicht nur Teil der königlichen Familie waren, sondern auch als einflussreiche Persönlichkeiten im politischen und kulturellen Leben des Königreichs anerkannt wurden. Das ist eine eindringliche Erinnerung an die herausragende Stellung, die Frauen in der alten nubischen Geschichte einnahmen, und bietet einen wichtigen Einblick in die Werte und Sozialstrukturen der alten Zeit.“
Die Projektpartner
Ägyptisches Museum und Papyrussammlung (ÄMP), Berlin, Deutschland
Das ÄMP beherbergt Artefakte und Schriftquellen zu den Kulturen des Niltals von ca. 10.000 v. Chr. bis in die Gegenwart. Es hat ein bedeutendes Archiv zur Ägyptologie und zu Nubischen Studien sowie eine führende Forschungsbibliothek. Gemeinsam mit dem sudanesischen NCAM erweitert es mit diesem Projekt das Wissen um die eigenen Sammlungsbestände.
Projektträger im Förderprogramm „Engage in dialogues“
National Corporation for Antiquities and Museums (NCAM), Khartoum, Sudan
Das NCAM ist im Sudan für den Schutz und die Erforschung der Altertümer und archäologischen Stätten des Landes verantwortlich. Vor Kriegsausbruch 2023 war es die Heimat der größten nubischen Archäologiesammlung. Heute ist es teils zerstört und wurde geplündert. Die Kooperation mit dem ÄMP knüpft an eine bereits bestehende kulturelle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und dem Sudan an, die in die Zeit vor Krieg und Exil zurückreicht.
Projektpartner im Förderprogramm „Engage in dialogues“
Fotos: Silke Briel