Engage in dialogues
Friedenstein Stiftung Gotha, Gotha, Deutschland
Xi’an Qujiang Museum of Fine Arts, Xi’an, Shaanxi, China
Das historische China-Kabinett auf Schloss Friedenstein in Gotha gehört zu den frühesten europäischen Ostasiensammlungen. International ist dieser Schatz noch zu wenig bekannt. Im Förderprojekt „Gotha: Treasury of European Court and Knowledge Culture“ entschlüsseln nun Museumsleute aus Thüringen und dem chinesischen Xi’an im transkulturellen Fachaustausch Porzellane, Goldobjekte und Fächer. Sie integrieren regionale Sammlungsgeschichten in einen globalen Dialog – und umgekehrt.
Seit dem Erfolg der vorangegangenen Ausstellung „Chinas Gold und Gothas Schätze“ in Gotha erkannten Forschende immer besser, dass alte europäische Inventare ostasiatische Objekte oft nur mit groben Sammelbezeichnungen wie „chinesische Schale“ erfasst hatten.
Daran wollten Sonja Grulke und Rainer Vollkommer von der Friedenstein Stiftung Gotha 2026 arbeiten, gemeinsam mit Museumsdirektorin Lin Shaoping und ihrem Team vom Xi’an QujiangMuseum of Fine Arts. Das Ziel: Objektgeschichten des China-Kabinetts Herzog Augusts von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772–1822) entschlüsseln und kulturübergreifend interpretieren. Bei einem ersten Forschungstreffen im Frühsommer in Xi'an standen die Porzellansammlung sowie Gold- und Silberarbeiten im Fokus. Im transkulturellen Abgleich kamen Umrisse faszinierender Geschichten zum Vorschein: globale Handelsbeziehungen, Handwerkstechniken und vor allem jahrhundertealte wechselseitige Einflüsse zwischen Europa und China.
So wurden bei der gemeinsamen Sichtung mehrere Gothaer Porzellane eindeutig als historische Exportware identifiziert – während sich in Xi’an Objekte mit europäisch inspirierten Motiven fanden. Diese historischen Objekte wirken wie Boten einer uralten Kulturdiplomatie.
Ziel des Förderprojekts ist eine größere internationale Sichtbarkeit von Gothas Sammlung, die damit gleichzeitig besser erforscht wird. Dabei geht es zentral auch um die Vorbereitung einer interkulturellen Ausstellung im November 2026 in Xi’an, die Gothas Rolle in der europäischen Residenz- und Wissensgeschichte im internationalen Kontext etabliert.
„Dialog bedeutet für mich, dass beide Seiten etwas einbringen und bereit sind, die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Es geht nicht darum, das eigene Wissen einseitig zu vermitteln, sondern im internationalen Zusammenspiel auf Augenhöhe etwas Neues zu entwickeln.“
Sonja Grulke, Kustodin und Kuratorin, Friedenstein Stiftung Gotha
„Die Vielstimmigkeit und globale Bedeutung der Sammlungen beider Häuser sichtbar zu machen und ihnen internationale Strahlkraft zu verleihen: Genau das leistet dieses Projekt auf herausragende Weise. Gerade auch in der Kooperation zwischen chinesischen und deutschen Museen bildet sich die lange Geschichte des Kulturaustausches zwischen China und Europa ab.“
Lin Shaoping, Acting Director, Xi’an Qujiang Museum of Fine Arts
Chinesische Deckelvasen für den europäischen Markt, um 1700, Friedenstein Stiftung Gotha: Solche Prunkgefäße für europäische Schlösser wurden in China speziell nach westlichen Wünschen gefertigt.
Sonja Grulke: „Was uns in Gotha vertraut erscheint, wird aus chinesischer Perspektive ganz anders gelesen und bewertet. Bei der gemeinsamen Arbeit an den Objekten entsteht ein echter Perspektivwechsel. Wir bringen unser Wissen über die Sammlungsgeschichte Gothas mit – und die Kolleg*innen in Xi’an bringen ihre fachliche und kulturelle Expertise zu Symbolik und Herstellung ein. Dieser Dialog verändert den Blick auf einzelne Objekte. Und er zeigt Gotha als Ort historischer, globaler Wissensnetzwerke.“
Porzellanteller mit niederländischem Wappen, hergestellt in Guangzhou, um 1730, Friedenstein Stiftung Gotha. Ein Paradebeispiel für Chine de commande: Europäische Adelshäuser bestellten Services mit ihren Familienwappen direkt in China, wo Maler westliche Vorlagen auf feinstes Porzellan übertrugen.
Lin Shaoping: „Wir entwickeln mit Gotha eine langfristige, nachhaltige Partnerschaft, die auf unserer wissenschaftlichen Neugier und der Leidenschaft für den interkulturellen Dialog basiert. Gemeinsam werden wir unsere Forschungsaktivitäten noch besser entfalten können – insbesondere die Narrative für die große ko-kuratierte Ausstellung im Herbst, aber auch die begleitenden Publikationen sowie den Austausch digitaler Ressourcen.“
Die Projektpartner
Friedenstein Stiftung Gotha, Gotha, Deutschland
Die Friedenstein Stiftung Gotha bewahrt und vermittelt das Erbe rund um Schloss Friedenstein und betreut mit mehr als einer Million Objekten eine der bedeutendsten frühneuzeitlichen Universalsammlungen Europas. Mit zeitgemäßen Forschungs- und Vermittlungsformaten wie „Gotha transdigital“ verbindet die Stiftung historische Bestände mit Fragen der globalen Gegenwart.
Projektträger im Förderprogramm „Engage in dialogues“
Xi’an Qujiang Museum of Fine Arts, Xi’an, Shaanxi, China
Das Qujiang Museum of Fine Arts in Xi’an beherbergt hochkarätige Sammlungen alter chinesischer Kunst, darunter Gold- und Keramikschätze von der Ming-Dynastie bis zur Neuzeit. Als international vernetzte Institution erforscht es mit Partnerhäusern unter anderem weltweite Handelswege und stilistische Ausprägungen chinesischer Exportkunst.
Projektpartner im Förderprogramm „Engage in dialogues“
Bild: Lin Shaoping mit Sonja Grulke und Rainer Vollkommer in der Porzellan-Ausstellung in Xi'an.