Engage in dialogues
Wie könnte man Museen als Lernorte einsetzen? Könnten Museen Schule machen? Solche Fragen stellen sich gerade in Namibia, wo viele Schulen mit überfüllten Klassenzimmernumgehen müssen, in denen oft mehr als 50 Kinder sitzen.
Im namibisch-deutschen Förderprojekt „Alternatives Klassenzimmer“ arbeiten die Wissenschaftliche Gesellschaft Swakopmund und das Landesmuseum Hannover jetzt an einem innovativen museumspädagogischen Vermittlungsprogramm. Gemeinsam werden Unterrichtseinheiten für Namibia maßgeschneidert. Die Einheiten schließen direkt an dortige Lehrpläne an – und machen den Museumsbesuch zu einem handlungsorientierten Lernerlebnis. In der Pilotphase bis Ende 2026 sollen alle Forschungsergebnisse von Lehrkräften in Namibia praktisch getestet werden. Gleichzeitig haben die kulturübergreifenden Diskussionen zu Barrierefreiheit, Provenienzforschung und kreativen Vermittlungsstrategien auch den Horizont des Landesmuseums Hannover erweitert. Bei diesem Projekt zeigen beide Häuser gemeinsam, wie Museen jetzt und in Zukunft gesellschaftliche Verantwortung übernehmen können.
Wissenschaftliche Gesellschaft Swakopmund / Swakopmund Museum, Swakopmund, Namibia
Das 1951 gegründete Swakopmund Museum ist das größte privat geführte Museum Namibias und bewahrt reichhaltige Bestände zu Kultur, Natur und Regionalgeschichte. Unter dem Dach der Wissenschaftlichen Gesellschaft Swakopmund versteht sich das Haus als lebendiges Bildungszentrum, das den gesellschaftlichen Dialog stärkt und mit Initiativen wie den Museum Youth Ambassadors gezielt junge Menschen fördert.
Projektträger im Förderprogramm „Engage in dialogues“
Landesmuseum Hannover, Hannover, Deutschland
Als größtes staatliches Museum Niedersachsens vereint das Landesmuseum Hannover Kunst, Naturkunde, Archäologie und Ethnologie. Das Haus verfügt über langjährige Erfahrung in der Museumspädagogik, der inklusiven Bildungsvermittlung, der Provenienzforschung. Zudem engagiert sich das Landesmuseum international, fördert transkulturellen Wissenstransfer auf Augenhöhe.
Projektpartner im Förderprogramm „Engage in dialogues“
Wenn eine Schulklasse das Swakopmund Museum in Namibia betrat, war das meist ein besonderer Tag – ein Wandertag außerhalb des regulären Lehrplans. Das Projekt „Alternatives Klassenzimmer“ arbeitet seit 2026 daran, dieses Verständnis grundlegend zu erneuern. Es will das Museum zur Schule erweitern. Lehrkräfte sollen Unterrichtsstunden künftig im Ausstellungsraum abhalten, gestützt auf praxiserprobte Materialien, abgestimmt mit offiziellen namibischen Lehrplänen. Für übervolle Klassenräume ist das eine spürbare Entlastung. Und für die Schüler*innen liegt darin sogar noch ein Vorteil: Statt rein frontaler Wissensvermittlung erleben sie Objekte unmittelbar. „Der Museumsbesuch wird zu einer Erweiterung des Unterrichts mit allen Sinnen“, so formuliert es die namibische Kuratorin Nadine Phiri.
Im Rahmen des Projekts reisten Phiri und ihre Projektassistentin Laina Mia Ndeuyepa im Frühjahr 2026 aus Swakopmund zu einer intensiven Fortbildung an das Landesmuseum Hannover. Im Zentrum des Austauschs standen barrierefreie Bildungsansätze, sensorische Methoden und modulare, reformpädagogische Vermittlungskonzepte wie das „Museum in a Suitcase“.
Auf dieser in Hannover erarbeiteten Basis entstehen 2026 laufend neue Arbeitsmaterialien und Pilotunterrichtseinheiten für rund 100 Schüler*innen in Swakopmund. Die Ergebnisse fließen in Workshops mit lokalen Lehrkräften und der regionalen Erziehungsbehörde ein, um das Modell langfristig im Bildungssystem der Region Erongo zu verankern.
Bei diesem internationalen Austausch werden fachliche Netzwerke ausgebaut. Namibische und deutsche Museumsleute werden zu Kulturbotschafter*innen, die Innovationen erarbeiten und anstoßen. Sei es in der Bildung, im Ausstellungswesen oder in der Community. So erweitert das Landesmuseum Hannover bei diesem Projekt vor allem sein Bildungsprogramm – und zeigt sich einmal mehr auf der globalen Museumslandkarte.
„Auf regionaler Ebene machte das Projekt Herausforderungen wie überfüllte Klassenzimmer und eine begrenzte kulturelle Repräsentation sichtbar. Die Teilnehmenden sprachen sich für eine umfassendere Darstellung der namibischen Kultur, eine stärkere Nutzung von Technologie und sozialen Medien zur Ansprache jüngerer Zielgruppen sowie für kreative Outreach-Werkzeuge wie das ‚Museum in a Suitcase‘ aus.“
Nadine Phiri und Laina Mia Ndeuyepa, Swakopmund Museum
„Der partnerschaftliche Austausch zwischen dem Swakopmund Museum und dem Landesmuseum Hannover hilft beiden Häuser dabei, ihre Bildungsprogramme weiterzuentwickeln, da wir Erkenntnisse und Anregungen voneinander gewinnen. Unsere Kooperation gibt dem Landesmuseum und dem Swakopmund Museum mehr internationale Sichtbarkeit, wovon beide Einrichtungen profitieren.“
Katja Lembke und Swantje Wurl, Landesmuseum Hannover
Fachaustausch in Hannover: Marie Florentine Holte, Nadine Phiri und Swantje Wurl mit ihrem „Museum in a School Bag“.
Nadine Phiri: „Das ‚Alternative Klassenzimmer‘ ist eine Initiative zur Unterstützung von Lehrkräften, sie entwirft das Museum als Erweiterung des Schulraums. Anstatt den Museumsbesuch als ‚unterrichtsfreien Tag‘ außerhalb des Lehrplans zu betrachten, können Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht künftig direkt im Museumsraum machen – basierend auf maßgeschneiderten Einheiten, die auf das namibische Nationalcurriculum abgestimmt sind. So geht das Lernen zwischen Schule und Museum nahtlos weiter. Im Kern definieren wir das Museum als Ort des Erlebens. Durch die Verlegung des Klassenzimmers ins Museum erhalten die Schülerinnen und Schüler Zugang zu interaktivem, sinnesbasiertem Lernen, das ihre reguläre Schulbildung ergänzt und bereichert.“
Nadine Phiri und Mia Ndeuyepa vor dem Landesmuseum Hannover.
Katja Lembke und Swantje Wurl: „Der partnerschaftliche Austausch zwischen dem Swakopmund Museum und dem Landesmuseum Hannover hilft beiden Häuser dabei, ihre Bildungsprogramme weiterzuentwickeln, da wir Erkenntnisse und Anregungen voneinander gewinnen. Unsere Kooperation gibt dem Landesmuseum und dem Swakopmund Museum mehr internationale Sichtbarkeit, wovon beide Einrichtungen profitieren.“
Foto: Schüler*innen und Lehrkräfte beim interaktiven Workshop im Swakopmund Museum.